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ARC Rhenus -  Berichte


Der Tag des "Blauen Bandes"

6.8.2005

Ein paar verrückte Ruderer treffen sich um 12.00 Uhr am ARC Rhenus und werfen einen kritischen Blick auf den Rhein. Es ist schlechtes Wetter gemeldet, aber der Wind steht günstig. Das geplante Vorhaben kann also in Realität umgesetzt werden:

Angriff auf das Blaue Band, welches seit 1983 bei 170 km steht!

Und die Angreifer sind wir: David Kaiser, Sarah Pistor, Christoph Schiefer und Tobias Wigger. (Man beachte: Es ist eine Frau dabei!)

Hier schildern wir euch nun unser Erlebnis:

Als erstes galt es ausreichend Getränke und Essen für die Fahrt und für den Landdienst zu besorgen. Nachdem wir „Glorreichen 4“ vom Einkauf mit entsprechender Verpflegung zum Verein zurückkehrten, konnten wir das auserwählte Boot namens Krambambuli für die geplante Fahrt rüsten. Die vorbereiteten Holzaufbauten mussten mit Folie überspannt und verklebt werden. Das Präparieren des Bootes glich einer Vorbereitung für eine Regatta, auch die Nervosität stieg so allmählich an. Wir hatten ständig nur Gedanken im Kopf wie: Halte ich durch? Wird ein Skull brechen? Fahren wir gegen das Land? Werden wir uns streiten? Werde ich Schmerzen haben? …

So gegen 15 Uhr traf dann auch unser Landkommando ein: Julian Bellinghausen, Christina Krautstrunk, Susanne Schnell und Jens Schröder. Sogleich bekamen wir auch einen Riesen-Topf mit Spaghettis vorgesetzt, um unsere Kraftreserven bis zum letzten Anschlag aufzufüllen. Derartig gestärkt waren wir bereit, uns auf eine lange Fahrt zu begeben.

Wie geplant befand sich Krambambuli um 16.00 Uhr im Wasser, mit ausreichend Getränken und Müsliriegeln befüllt. Die Mannschaft hatte sich sortiert, das Gruppenfoto war gemacht – es konnte also losgehen.

Mit leichtem Schubwind nahmen wir Kurs Richtung Neuwied auf. Anfangs schafften wir durchschnittlich über 8,5 km/h dank des Windes. Auch die Regen bringenden Wolken, die uns stetig verfolgten, spornten uns an.

Nachdem im Boot immer wieder gerätselt wurde, warum man sich freiwillig solchen Strapazen hingibt, machte der Landdienst es sich erst mal wieder bequem. Die Bowa-Besatzung rechnete so gegen 23.30 Uhr mit Krambambuli in Neuwied. Indes aber hatten wir in Krambambuli kraftvoll geschlagen und das Boot schnell vorangetrieben. Dabei hat sich die Strategie bewährt, alle halbe Stunde den Steuermann bzw. die Steuerfrau zu wechseln. So eiferte immer ein jeder gierig auf seine nächste Pause hin. Aber auf einmal geschah es: Dadurch, dass Wolken die Kurven im Rhein schneiden können, hatte uns die dunkle Wolkenfront eingeholt. Das kleine Ruderboot und wir 4 unschuldigen, immer lieben Ruderer wurden von der ganzen Kraft des Regens überschüttet. Doch wir, in Müllsack ähnliche Regenponchos vermummt, trotzten den Naturgewalten und ruderten in die Dunkelheit hinein. Auch das sich der Wind gelegt hatte und eher ins Gesicht des Steuermanns blies, hielt uns nicht auf. Im Schein einer kleinen Taschenlampe, die auf dem Bug montiert war, kamen wir dem ersten Etappenziel immer näher.

So erreichten wir kurz vor 23 Uhr Neuwied. Der Landdienst war aber auf unser Kommen vorbereitet und hatte ein Tischlein in den Hallen des Neuwieder Rudervereins gedeckt. Nachdem wir uns trockengelegt hatten, machten wir uns über das Essen her. Während sich der Landdienst über frisches Fleisch vom Grill, Salat und ein kühles Bierchen erfreute, waren wir im Nudelwahn. Denn jeder hatte das, was sein Herz begehrte: Spaghetti mit Käsesauce, Tomatensauce, Apfelmus, Zucker oder Parmesankäse. Doch je länger wir so da saßen, desto müder wurden wir. Daher erfolgte dann der Pfiff zum Aufbruch: Schnell Magnesium eingeschmissen, Hände und Achselhöhlen mit Hirschtalg versorgt und die Steuermannsjacke für die Nacht angezogen, begaben wir uns kurz vor Mitternacht wieder in den Kampf gegen die Rheinströmung.

Diesmal hatte Petrus dann Erbarmen. In der tief hängenden dunklen Wolkendecke hatte er uns ein Löchlein aufgemacht, welches Krambambuli bis zur Morgendämmerung begleitete. Da Neumond war, konnten wir den Rhein zwar im romantischen aber sehr spärlichen Licht der Sterne erleben. Aber 100 Meter nach dem Ablegen hatten wir ganz andere Sorgen. Die Strömung war so stark, dass wir in der nächsten halbe Stunde nur 2 km schafften. Die Stimmung hatte daraufhin einen Tiefpunkt erreicht. Hochrechnungen ergaben, dass wir es so nicht schaffen würden. Dennoch wurde von unserer Strategie nicht abgewichen und in Höhe der Einfahrt zum Neuwieder Hafen setzte sich Sarah auf den Steuerplatz. Doch an Erholung konnte nicht gedacht werden. Die durch die Dunkelheit angestrengten Augen suchten stets den optimalen Weg. Selbst der Schlagmann David war kaum zu erkennen. Die Konzentration beim Steuern war daher enorm hoch und man versuchte im Schatten des Ufers keine Fehler zu machen. Doch plötzlich grellte Sarahs liebliche Stimme in die stille Nacht hinein: „David, ich glaube da vorne hört der Rhein auf!!!“. Sofort drehten sich die restliche Köpfe in Fahrtrichtung und tatsächlich: Vor uns lag das Ende des Rheins. Im Schein der Taschenlampe entpuppte sich das „Ende des Rheins“ allerdings als eine lange und hohe Kribbe, die schwarz wie die Nacht war. Aber gekonnt und mit wenig Aufwand („Ruder halt“, „Stoppt“, „Alles Gegen“…) konnten wir sie umfahren. Nach diesem Adrenalinkick war prompt die Stimmung besser und wir konnten wieder einen besseren Kilometerschnitt erzielen.

Die restliche Nacht verlief eher ruhig. Selbst das Wechseln des Steuermanns und das damit verbundene Anziehen einer Riesensegeljacke, in der auch unser 2-Meter-Mann aussah wie ein Gartenzwerg, lief nur noch mechanisch ab. Ein Frachter, der sich wohl über das einsame Positionslicht wunderte, leuchtete uns mit seinen kräftigen Scheinwerfern für einen Moment den Weg. Der Versuch mit unserer Taschenlampe zurück zu leuchten wirkte da etwas lächerlich. Nach kurzer Begutachtung erkannte wohl der Kapitän ein Ruderboot und fuhr beruhigt von dannen. Nur der ein oder anderen Sternschnuppe und gelegentlich vorbeifahrenden Schiffen schenkten wir unsere geistige Aufmerksamkeit. Und ab und zu wurde das Boot durch ein fürchterliches Donnern erschüttert, gefolgt von üblem Gestank. Dies entsteht nämlich, wenn man einige Stunden lang mehrere Pakete Müsliriegel in sich reinstopft und das Ganze, mit Apfelschorle vermengt, gären lässt… Nur Sarah übte sich in angemessener Zurückhaltung (wie sehr hat sie sich eine Wäscheklammer gewünscht)!

Aber diesen Widrigkeiten und auch der leichten Müdigkeit, die sich bemerkbar machte, hatten wir getrotzt und der Rhein wurde Stück für Stück bezwungen.

Irgendwann wich die Finsternis und gegen 6.00 Uhr waren wir an Boppard vorbei. Selbst die aufkommenden Schmerzen konnten uns nun nicht mehr von unserem Ziel abbringen. Endlich erschien der Kilometerstein 568, der die Wendemarke des letzten Blauen Bandes darstellte. Dort haben wir eine kurze Gedenk- und Respektsekunde eingelegt, bevor wir entschlossen die Blätter für die letzten Kilometerchen kraftvoll ins Wasser stemmten.

Um 6.50 Uhr war es dann soweit: Bei Kilometerstein 565 beschlossen wir zu drehen. Unter normalen Umständen erscheinen 3 Kilometer natürlich nicht viel, aber das waren keine normalen Umstände: Die Zeit blieb nämlich nicht stehen! Nach einem kurzen Ausruhen, realisierte man allmählich, dass man das Blaue Band nach Hause fahren kann. Doch unter den Schmerzen, die von Minute zu Minute wuchsen und der immer geringer werdenden Zeit, konnte noch keine wirkliche Freude auftreten. So ruderten wir wieder Richtung Boppard los, um dort ein kleines Frühstück einzunehmen. Der Landdienst, ein wenig müde, aber gut gelaunt, bemühte sich sehr um unser Wohl. Doch wirklich was essen konnte keiner von uns, nur Sarah vertilgte ein Käsebrot. Nachdem unsere Begleitcrew unser Boot wieder entsprechend ausgerüstet hatte, machten wir uns wieder auf den Weg. Obwohl es stromabwärts ging, war es sehr anstrengend. Mit dem Zeitdruck im Nacken, den Schmerzen in den Handflächen, Tobis Schmerzen in der Schulter, Davids Schmerzen im Rücken, Christophs Schmerzen im rechten Handgelenk und Sarahs Schmerzen in beiden Handgelenken ruderten wir und ruderten. Durch das monotone Schaukeln des Bootes und des recht geringen Steueraufwands wurde es vor allem für den jeweiligen Steuermann zum Kraftakt, die Augenlieder offen zu halten. Manchmal waren wir zu schwach …

Gegen 10.20 Uhr sahen wir die von der Hinfahrt verhasste Neuwieder Einfahrt zum hiesigen Ruderverein. Darüber waren wir aber nun sehr glücklich. Die anstehende Pause hatten wir uns nach Regen und Gegenwind verdient. Damit das Wetter sich aber nicht weiter verschlechtern konnte, haben wir alle brav unsere Nudeln aufgegessen. Nach aufmunternden Worten und netter Behandlung unseres mittlerweile müde werdenden Landdienstes, machten wir uns wieder auf den Weg. Susi sagte zu Recht: Da habt ihr ja schon alles erlebt, fehlt nur noch, dass ein Sturm aufzieht! Diesem Satz wenig Beachtung schenkend gingen wir dann die letzten 45 km Richtung Bonn an.

Und da kam, was wir wirklich nicht verdient hatten! Heftiger Gegenwind, und das war nicht nur eine leichte Brise. Ein jeder gab, was er noch konnte. Die körperlichen Beschwerden waren allerdings mittlerweile sehr groß. Jeder von uns musste beim Rudern Phasen einlegen, bei denen man nur ohne Kraft schlug. Zu allem Überfluss setzte dann auch wieder Regen ein. Sarah ruderte teilweise nur noch mit rechts, links funktionierte gar nichts mehr. Ob mit oder ohne Drehen, durch den blöden Wind war alles eine Qual. So beschlossen die Jungs, dass Sarah nur noch steuert. Nach einer ¾ Stunde wurde sie aber gebeten, doch noch mal zu rudern. Das Wetter war zu gemein und hatte uns die letzte Kraft geraubt. Als ob das nicht genug gewesen wäre, wurde der Wind immer stärker und entwickelte sich zu einem kräftigen Sturm, der neben Nonnenwerth in einem Gewitter einen Spielgefährten fand. Wir hatten Mühe und Not, das Boot zumindest auf Position zu halten. Unter Tränen und großem Verzweifeln hatten wir nicht zuletzt durch unseren enormen Willen aber das Boot wieder unter Kontrolle. Freundlicher Weise legte sich das Unwetter in Höhe von Bad Godesberg und der Himmel riss auf. Wie in Trance ruderten wir die Hausstrecke.

Mittlerweile saß Sarah wieder auf dem begehrten Steuerplatz. Und plötzlich entstand auf ihrem Gesicht ein breites Grinsen, denn sie hatte in Höhe der Rheinaue ein blaues Boot erspäht. Es war Semester 53. Mit einem kräftigen „Ariston men hudôr“ wurden wir von Christina, Jens und Julian begrüßt.

Das war’s. Von Gefühlen überwältigt ruderten wir gemeinsam Richtung Heimatsteg. Dabei hatten wir natürlich auf das obligatorische Rennen nicht verzichtet, welches wir erfolgreich nach Hause fuhren. Nachdem Semester 53 schnell auf den Steg geworfen wurde, konnten wir unter Beifall von Sarahs und Christophs Eltern und der lieben Susi nach insgesamt 23 Stunden und 20 Minuten mit 176 km in den Armen anlegen.

Zwar waren die ersten Schritte an Land recht eigenartig und die Schmerzen wollten einfach nicht nachlassen, aber das war egal. Wir hatten es geschafft! Doch bevor man mit einem kühlen auch für die Hände sehr angenehmen Radler anstoßen konnte, rief Jens: „Oh nein, erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Man sollte nun meinen, dass der Landdienst zunächst sein Boot nach oben getragen hatte … aber nein, weit gefehlt. Tobi, David und Sarah schleppten Semester 53 nach oben! Aber an Krambambuli haben wir dann alle angepackt. Nachdem diverse Blasen (wenn man sie aufgeklappt hatte, sah es so aus, als ob sie sprechen) und dicke Handgelenke (abends war selbst eine Gabel für Sarah zu schwer) bestaunt hatte, gab’s endlich das ersehnte Prost!

Ein Prost auf das blaue Band!!!

Das Blaue Band hat nun seine Besitzer im ARC Rhenus gewechselt.

Die Freude ist riesig und wir sind alle sehr stolz auf unsere Leistung!

Hier sei noch mal ein großes Dankeschön an unser Landkommando ausgesprochen: Ihr habt uns wirklich geholfen!

06.08.2005: 176 km in 23 Stunden und 20 Minuten.

Wir haben es geschafft, aber ein nächstes Mal wird es nicht mehr von uns geben … höchstens als Landdienst!

David Kaiser
Sarah Pistor
Christoph Schiefer
Tobias Wigger

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